Presseüberblick: 8. Mai 2026
Verfassungskrise, Sicherheitseskalation und humanitäre Katastrophe – Die DR Kongo am Rand des Kollaps
KINSHASA/OSTEN – Der 8. Mai 2026 ist ein Tag der Widersprüche und Krisen: Der Präsident erklärt sich für eine Verfassungsänderung bereit, um 2028 an der Macht zu bleiben – während die Opposition die Lügen zerlegt. Im Osten werden Dutzende Zivilisten getötet. In Krankenhäusern sterben Mütter mangels Blutkonserven. In Schulen werden Kinder zu Motorradwäschern. Die DR Kongo implodiert auf mehreren Ebenen gleichzeitig.
Verfassungskrise: Tshisekedi erklärt Widersprüche – Opposition nennt sie „Kakofonie“
Tshisekedi öffnet Tür zur dritten Amtszeit
Am 6. Mai ließ Präsident Félix Tshisekedi (62 Jahre, seit 2019 im Amt) die Möglichkeit einer dritten Amtszeit nach Verfassungsreferendum offen. Er erklärte auch: Die für 2028 geplante Präsidentschaftswahl könne verschoben werden, sollte der Krieg im Osten andauern.
Das ist verfassungswidrig. Die Verfassung begrenzt die Amtszeit auf zwei, die 2028 enden.
Die Opposition zerlegt die Widersprüche
Hervé Diakiesé (Ensemble pour la République, Moïse Katumbis Partei) prangerte die „Unaufrichtigkeit“ an:
Der zentrale Widerspruch:
- Tshisekedi behauptet: Nord- und Südkivu sind nicht unter Kontrolle der Zentralregierung (M23 kontrolliert sie).
- Deshalb: Wahlen 2028 sind unmöglich
- Aber gleichzeitig: Ein Referendum zur Verfassungsänderung soll möglich sein – außerhalb dieser Provinzen
- Logik: Wenn Kivu nicht wählen kann, warum dann referendieren?
Das zweite Dilemma (Diakiesé):
- UDPS-Regierung stellte 2006 die Verfassung als „ausländisch“ dar (sollte „kongolesisch angepasst“ werden)
- Heute: Tshisekedi sagt, Washington zwingt ihn zur Verfassungsänderung (Mineralien-Abkommen)
- Logik zerbrochen: Souveränität? Weg. Verfassungsprinzipien? Weg.
Diakiesés Fazit: „Er steckt in einem Dilemma. Eine Regierung, die sich als souverän präsentierte, will nun Verfassungsänderungen, nur weil wir einen Vertrag mit Ausländern unterzeichnet haben. Keine Bestimmung der Verfassung kann aufgrund von Handelsabkommen geändert werden.“
Martin Fayulu (LAMUKA): „2028 ist nicht verhandelbar.“
Der Oppositionskoordinator war deutlich:
„Er hat nicht die Macht, sich 2028 gegen das kongolesische Volk zu stellen. Sollten im Januar 2029 keine Wahlen stattfinden, muss er gehen.“
Fayulus Anschuldigung: Tshisekedi heizt den Krieg an, um Wahlen zu vermeiden.
„Die Sicherheitsprobleme bestanden bereits 2023, und er hat die Wahlen organisiert. Es ist, als hätte er mit Kagame einen Deal geschlossen, um den Kongo aufzuteilen. Er überlässt Kagame den Osten und behält den Rest.“
Versprechen: „Wir haben Kabila an einer dritten Amtszeit gehindert. Wir werden auch Tshisekedi hindern. Wir werden das Volk mobilisieren.“
Francine Muyumba Nkanga (PPRD): „Politische Kakofonie“
Die ehemalige Senatorin und Kabila-Partei-Mitglied sagte: „Die Widersprüche sind so grundsätzlich, dass sie eine ‘regelrechte politische Kakofonie‘ darstellen.“
Ihre zentrale Frage: Wenn Kriegszeiten Wahlen unmöglich machen, warum sind Referenden dann möglich? Wenn Referenden in Kriegszeiten funktionieren, warum nicht Wahlen, die den demokratischen Wechsel ermöglichen?
Antwort: Es geht nicht um Krieg. Es geht um Macht.
Das Washington-Faktor
Im Dezember unterzeichneten DR Kongo und Ruanda unter Trump ein Friedensabkommen. Es hat eine wirtschaftliche Komponente: US-Hightech-Industrien sollen Zugang zu kongolesischen Rohstoffen erhalten.
Tshisekedis Behauptung: Washington zwingt mich, die Verfassung zu ändern (für Justizreformen).
Die Opposition: Das ist eine Lüge. Der Mineralen-Deal erfordert keine Verfassungsänderung – nur stabile Gesetze. Und Artikel 220 ist gerade die Stabilität, die Investoren brauchen.
Sicherheitseskalation: MONUSCO verstärkt, ADF tötet 14 in Biakato
MONUSCO baut Präsenz aus
Die UN-Mission verstärkte seit dem 4. Mai ihre Schutzpräsenz in Djugu und Irumu (Ituri):
Mobile Einsatzbasen eingerichtet:
- Djugu: Lipa, Lauju
- Irumu: Boga, Kasenyi, Mukasila
Operationen:
- Patrouillen von Fataki und Gina (nach CRP-Angriff auf FARDC in Pimbo, 28. April)
- 24 vertriebene Zivilisten nach Iga-Barrière evakuiert
- 25 Schüler und Lehrer sicher von Gina nach Bunia transportiert (2. Mai), damit sie Staatsprüfungen ablegen können
Militärsprecher Charles Idjiwa: Das zeigt MONUSCO Engagement für Zivilschutz.
ADF-Massaker in Biakato: 14 Tote
Donnerstag, 7. Mai: Die islamistische ADF-Gruppe griff Biakato (Gebiet Mambasa, Ituri) an.
Opferzahl: initial 3 gemeldete Tote. Dann: Mindestens 14 Tote, bestätigt durch lokale Zivilgesellschaft.
Der Angriff:
- Tagsüber, überraschend
- Zielgebiet: Viertel Laliya
- Methode: Schießereien auf Bewohner, dann Plünderung und Brandschatzung von Häusern und Geschäften
- Bilanz: mehrere Tote, 2 Verletzte
Zitat eines Anwohners: „Der Feind überraschte die Bevölkerung mitten in ihren täglichen Aktivitäten. Wir sahen Leichen und angegriffene Häuser im Viertel Laliya.“
Zivilgesellschaft: FARDC-Versagen
Yuma Ilurani (Koordinator lokale Zivilgesellschaft):
„Wir verurteilen den Einmarsch der ADF, der zum Tod von mehr als 14 Menschen geführt hat. Wir fordern die FARDC dringend auf, den Feind zu verfolgen und zu neutralisieren.“
Das eigentliche Problem: Die anhaltenden Rebellenangriffe zeigen die Grenzen des aktuellen Sicherheitsapparats.
Flüchtlingswelle
Der Angriff löste eine Massenflucht aus:
- Viele Familien flohen in vermeintlich sichere Gebiete
- Das Wirtschaftsleben in Biakato kam vollständig zum Erliegen
- Selbst nach FARDC-Reaktion verlässt ein Teil der Bevölkerung das Gebiet aus Angst
Bis Freitag: Weder FARDC noch der Administrator von Mambasa gaben offizielle Stellungnahmen ab.
Gesundheits- und humanitäre Krise: Mütter sterben, Infrastruktur zerfällt
Nord-Kivu: 84 Müttersterblichkeitsfälle in 4 Monaten
Der Hebammenverband Nord-Kivu schlägt Alarm: Seit Jahresanfang über 84 Müttersterbefälle in 34 Gesundheitszonen.
Die Ursachen:
1. Unsicherheit: Bewaffnete Konflikte blockieren Zugang zu gut ausgestatteten Zentren.
2. Bevölkerungsvertreibung: Massenbewegungen unterbrechen pränatale Versorgung.
3. Straßenzustand: Schlechte Straßen verzögern Notfall-Verlegungen.
4. Personalwangel: Von 700 Hebammen-Verbandsmitgliedern sind mehr als die Hälfte arbeitslos. Nur wenige erhalten staatliche Vergütung.
Die Bilanz: Das Ziel „null vermeidbare Müttersterblichkeitsfälle“ ist in weiter Ferne.
Provinzsekretärin Perle Birahi Ruzuba betont: Jeder Verlust ist ein Trauma, das über die Familie hinausreicht – verwaiste Kinder, wirtschaftliche Folgen für die ganze Gemeinschaft.
Maniema: Blutbank-Notstand
Die Hebammenvereinigung Maniema fordert dringend eine rund um die Uhr geöffnete Blutbank.
Grund: Viele Frauen sterben während der Geburt, weil Blutkonserven fehlen.
Provinzvorsitzende Annie Kamwanya Manace: „Blutknappheit ist die Hauptursache für Müttersterblichkeit in Maniema. Wir fordern eine funktionierend Blutbank – das ist eine unerlässliche Maßnahme, um Leben zu retten.“
Ein Schreiben wurde dem Provinzgouverneur übergeben. Die Hebammen haben sich als freiwillige Blutspender angeboten.
Rutshuru: Gesundheitszentrum im Notfall-Modus
Das Gesundheitszentrum Nyaruhange (Nord-Kivu, Gebiet Rutshuru) versorgt über 13.000 Menschen – viele davon Binnenvertriebene und Rückkehrer aus Uganda.
Das Problem: Starkregen zerstörten:
- Die Verbrennungsanlage für medizinische Abfälle (seit 2 Monaten nicht funktional)
- Die Wand der Entbindungsstation
- Bereiche zur Plazentaentsorgung
Leitender Krankenpfleger Roger Bisengimana: „Trotz der Schäden nutzen wir die marode Verbrennungsanlage weiterhin. Das Zentrum arbeitet mit beschädigter Infrastruktur und sehr begrenzten Ressourcen. Wo viele Menschen vertrieben werden, ist es schwierig, die Gesundheitsversorgung zu bezahlen.“
Appell: „Wir bitten Wohltäter um Hilfe, damit wir angemessene Versorgung und bessere Abfallentsorgung gewährleisten können.“
Soziale Erosion: Kinder schwänzen Schule für Motorrad-Waschen
Kananga: 30+ Schüler am Fluss statt im Klassenzimmer
In Kananga (Kasai-Central) schwänzen mehr als 30 Schüler den Unterricht, um am Fluss Nganza Motorräder zu waschen – für Taschengeld.
Die Altersgruppe: Kinder zwischen 11–17 Jahren.
Ihr Argument: Geldmangel. Eltern können Schule nicht finanzieren. Also: Arbeiten, um zu überleben.
Zitate:
- „Ich habe die Schule abgebrochen, weil ich kein Geld hatte. Ich wasche Motorräder, um mich über Wasser zu halten.“
- „Ich gehe zuerst zur Schule. Nach dem Unterricht komme ich hierher zum Arbeiten.“
Jean-Malhys Lungala (LIZADEEL, Kinderrechts-NGO):
„Diese Situation gefährdet die Zukunft der Kinder. Die Schüler haben Schwierigkeiten beim Lernen aufgrund von Zeitmangel.“
Appell an die Provinzregierung von Kasai-Central: Maßnahmen für die Rückkehr dieser Kinder in die Schule. Appell an Eltern: Übernehmt eure Verantwortung.
Außenpolitik: Nationalversammlung mobilisiert gegen Fremdenfeindlichkeit in Südafrika
Kongolesen unter Druck
Der Präsident der Nationalversammlung, Aimé Boji Sangara, verurteilte am 7. Mai Akte von Unsicherheit und Fremdenfeindlichkeit gegen in Südafrika lebende kongolesische Staatsbürger.
Die Vorwürfe:
- Diskriminierung
- Gewalt
- Angriffe auf die Menschenwürde
Diplomatische Reaktion
Das Präsidium der Nationalversammlung beschloss:
- Die Außenministerin Thérèse Kayikwamba einzubestellen, um die Schutzmassnahmen darzulegen
- Eine Parlamentsdelegation nach Südafrika zu entsenden (parlamentarische Diplomatie)
- Konsultationen mit südafrikanischen Behörden und Parlamentariern zu führen
Boji’s Wort: Diese Handlungen verstoßen gegen „afrikanische Werte der Solidarität und Brüderlichkeit“ und untergraben die Prinzipien der Freizügigkeit und Integration auf dem Kontinent.
Botschaft: Die Stabilität Zentralafrikas hängt maßgeblich von der Achtung des demokratischen Wechsels ab – auch außenpolitisch.
Randnotiz: Kleine Hoffnung bei Kinderschutz
Gilbert Lusamba, Leiter der Kinderschutz-Abteilung im Ministerium für Gleichstellung, hob am 7. Mai „bemerkenswerte Fortschritte“ hervor:
- Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention
- Harmonisierung des nationalen Rechtsrahmens
- Einrichtung von Provinzkinderräten in mehreren Provinzen
- Beobachteter Rückgang der körperlichen Bestrafung von Kindern in Familien
Sein Fazit: Wachsendes Bewusstsein für Kinderrechte – aber weitere Anstrengungen sind erforderlich für effektive Umsetzung.
(Das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein angesichts der 30+ Motorrad-Wascher und der humanitären Krise.)
(Quellen: RFI, Radio Okapi, Actualité.cd)