23.06.2026

Ebola überschreitet 1.000 Fälle – größter Bundibugyo-Ausbruch aller Zeiten, CDC warnt vor 20.000 Fällen bis August – mobiles Labor in Aru, Flüchtlingsgespräche in Addis Abeba

ITURI/ARU/ADDIS ABEBA – Am Wochenende des 20./21. Juni 2026 überschritt der 17. Ebola-Ausbruch in der DR Kongo die Marke von 1000 bestätigten Fällen und 254 Todesfällen – und ist damit bereits der größte jemals registrierte Ausbruch des Bundibugyo-Stamms, der erstmals 2007 identifiziert wurde. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC warnt: Ohne anhaltende Isolierungsbemühungen könnten die kumulierten Fälle bis Ende August die Marke von 20.000 überschreiten. Parallel starteten die DR Kongo und Uganda am 23. Juni ihre grenzüberschreitende Gesundheitskooperation in Aru – und in Addis Abeba erörterten Kinshasa, Kigali und das UNHCR am 22. Juni die Rückkehr von über 280.000 Geflüchteten.

1.003 Fälle, 254 Tote: Ein Virusstamm bricht seinen eigenen Rekord

Laut dem Lagebericht des Nationalen Instituts für öffentliche Gesundheit (INSP) vom 20. Juni verteilen sich die Fälle auf drei Provinzen: Ituri (916 Fälle, 91,3 %), Nord-Kivu (84 Fälle) und Süd-Kivu (3 Fälle). Betroffen sind mittlerweile 34 der 104 Gesundheitszonen des Landes. Die Gesamtmortalitätsrate liegt bei 25,3 Prozent. Zum Vergleich: Bundibugyo hatte zuvor nur zwei dokumentierte Ausbrüche verursacht – 2007 in Uganda mit 131 Fällen und 42 Todesfällen und 2012 in Isiro in deutlich kleinerem Ausmaß. Forscher der US-CDC kommen unmissverständlich zu dem Schluss: Der aktuelle Ausbruch ist der größte dieses Stamms, gemessen an Fällen wie Todesfällen.

Sterblichkeit variiert stark nach Region

Das Bundibugyo-Virus gilt allgemein als weniger tödlich als der Zaire-Stamm, der die westafrikanische Epidemie 2014–2016 mit über 11.000 Todesopfern verursachte. Die aktuellen Zahlen bestätigen dieses Bild jedoch nicht durchgängig. In Mongbwalu erreicht die Sterblichkeitsrate 41,4 Prozent (91 Tote bei 220 Fällen), in Rwampara 16,6 Prozent und in Bunia 16,0 Prozent. In Nord-Kivu liegt sie sogar bei über 57 Prozent – in Beni bei 70,6 Prozent, Katwa bei 60,7 Prozent und Oicha bei 66,7 Prozent. Laut INSP spiegelt diese Diskrepanz anhaltende Herausforderungen bei der Früherkennung und dem Zugang zur Versorgung wider, nicht eine höhere Virulenz. Gesundheitsminister Roger Kamba betont: Patienten kämen oft erst in der „feuchten Phase“ der Erkrankung – ein früheres Eingreifen würde Leben retten.

Krankenwagen stecken im Zoll fest

Der Mangel an Transportmöglichkeiten ist laut INSP eine der größten Herausforderungen. Rund 20 Isolierstationen fehlen. Bestellte Krankenwagen sind zwar in der DR Kongo eingetroffen, stecken aber aufgrund langer Warteschlangen beim Zoll fest. Derzeit sind in Bunia sieben Krankenwagen im Einsatz; in Mongbwalu trafen am vergangenen Sonntag ein Krankenwagen und ein Jeep ein.

78 infizierte Gesundheitsmitarbeiter, 18 gestorben

Die menschlichen Kosten unter dem medizinischen Personal sind erheblich. Seit Beginn der Epidemie haben sich laut INSP 78 Beschäftigte im Gesundheitswesen infiziert, 18 sind gestorben – eine Sterblichkeitsrate von 23,1 Prozent, die über dem nationalen Durchschnitt liegt. Als Hauptursache nennt das Institut unzureichende Verfügbarkeit von Schutzausrüstung und Chlor. Die Kontaktverfolgung liegt aktuell bei 58 Prozent, weit unter dem Zielwert von 95 Prozent. Die Behandlungszentren in Ituri sind zu 89,3 Prozent ausgelastet.

Neun Behandlungszentren, 1000 Gemeindehelfer im Einsatz

Trotz der Hindernisse bereiten sich die Einsatzteams auf weitere Entwicklungen vor. Neun Ebola-Behandlungszentren sind in Ituri in Betrieb, weitere befinden sich im Bau; ein Zentrum mit 200 bis 300 Betten wird geprüft. Eine wöchentliche Verlaufskurve aus dem Informationssystem DHIS2 deutet auf eine Verlangsamung nach einem Höhepunkt in der 23. epidemiologischen Woche hin – dieser Trend ist jedoch mit Vorsicht zu interpretieren, da aktuelle Wochen im System systematisch unterschätzt werden. Minister Kamba kündigte die Verdopplung der Prämien für Einsatzkräfte an. Auf Gemeindeebene wurden 1200 Gemeindegesundheitshelfer ausgebildet, davon sind 1000 bereits im Einsatz.

Finanzierung: 519 Millionen Dollar Budget, 50 Millionen ausgezahlt

Das Gesamtbudget für die Bekämpfungsmaßnahmen wird auf 519 Millionen US-Dollar geschätzt. Die Regierung hat bislang 50 Millionen US-Dollar ausgezahlt – deutlich mehr als die 2,5 Millionen während der Epidemie 2018/19. Kamba bekräftigte den Grundsatz „Ein Plan, ein Budget, eine Koordination“ und forderte alle Finanzpartner auf, Rechenschaft über verwendete Mittel abzulegen.

Sicherheitsrisiko auch bei Beerdigungen

Neben dem Risiko durch bewaffnete Gruppen wie CODECO und ADF – deren Präsenz den Zugang zu bestimmten Gebieten einschränkt – beschreibt das INSP die Sicherheitslage in Bunia und Umgebung als „ruhig, aber unberechenbar“. Kamba erwähnte Angriffe von Jugendlichen während Beerdigungen; die Polizei wurde daraufhin an bestimmten Friedhöfen stationiert. Zwei Rotkreuz-Freiwillige wurden dabei am Kopf verletzt und nach Kinshasa evakuiert.

Kreuzimmunität: Muyembe hält bis zu 40 Prozent Schutz für möglich

Eine offene wissenschaftliche Frage: Schützt die Impfung gegen den Zaire-Stamm (Ervebo von Merck) auch gegen Bundibugyo? Professor Jean-Jacques Muyembe, Mitentdecker des Ebola-Virus und Direktor des INRB, hält eine gewisse Kreuzimmunität für denkbar, betont aber, dass dies durch Studien bestätigt werden muss. Minister Kamba nannte eine mögliche Rate von bis zu 40 Prozent und verwies auf laufende Untersuchungen.

CDC-Modell: Ohne 70-Prozent-Isolierung drohen 20.000 Fälle bis August

In einem Anfang Juni veröffentlichten Modellierungsbericht hat die US-CDC verschiedene Szenarien simuliert. Werden nur 20 Prozent der Infizierten isoliert, überschreiten die kumulierten Fälle bis Ende August in bis zu 65 Prozent der Simulationen die Marke von 20.000. Wird die Isolierungsrate auf 70 Prozent erhöht, sinkt dieses Risiko auf 1 Prozent. Die CDC warnt: Ohne anhaltende Bemühungen könnte die Epidemie das Ausmaß der westafrikanischen Epidemie 2014–2016 erreichen. Die Forscher betonen zugleich die Grenzen des Modells – tatsächliche Todesfallzahlen zum Kalibrierungszeitpunkt sind ungewiss, Verhaltensänderungen in der Bevölkerung werden nicht erfasst.

Aru: Mobiles Labor halbiert Wartezeit auf 72 Stunden

Am 23. Juni starteten die DR Kongo und Uganda in Aru, 6 Kilometer von der ugandischen Grenze entfernt, offiziell ihre grenzüberschreitende Gesundheitskooperation. Im Mittelpunkt steht ein mobiles Labor im Aru-Krankenhaus, das vier Proben pro Stunde analysieren kann und über eine eigene Stromversorgung verfügt. Ärztlicher Direktor Dr. Moise Agenun erklärt: „Schon vor der Einrichtung dieses Labors betrug die durchschnittliche Wartezeit auf Ergebnisse sieben bis acht Tage. Wir haben diese Wartezeit auf maximal 72 Stunden reduziert.“ Bürgermeister Johnny Wadri Adjoma – die Gemeinde hat fast 200.000 Einwohner und liegt 300 Kilometer von Bunia entfernt – zeigt sich erleichtert: „Die Ankunft dieses Labors beruhigt jedenfalls praktisch alle. Es gibt nichts mehr zu befürchten; die Lage ist unter Kontrolle.“ Die Kooperation umfasst auch Informationsaustausch und gemeinsame Verfahren zwischen beiden Ländern; Kinshasa hofft, dass sie zur vollständigen Wiederöffnung der Grenze führt.

Flughafen Bunia: Kommerzieller Betrieb eingestellt, Branche leidet

Am Flughafen Bunia – erst jüngst auf 2.500 Meter Startbahn und 28.000 Quadratmeter Rollfeld erweitert, ausgelegt für Airbus A320-200 – ist seit der Ebola-Schließung nur noch humanitärer Flugverkehr zugelassen. Barry Boubacar, technischer Direktor der Firma Mont-Gabaon: „Unsere Fluggesellschaft bietet drei Flüge pro Woche an. Jetzt werden alle Flüge über Kisangani abgewickelt; hier kommt nichts mehr an. Wir haben erhebliche Einnahmeverluste. Alle sind betroffen.“ Gesundheitsminister Kamba versicherte, der Flughafen könne dank der getroffenen Maßnahmen wieder geöffnet werden.

Addis Abeba: Flüchtlingsrückkehr bleibt asymmetrisch

Beim Ministertreffen in Addis Abeba am 22. Juni erörterten Kinshasa, Kigali und das UNHCR die Rückkehr von Flüchtlingen. Die Zahlen zeigen das Ausmaß: Die DR Kongo beherbergt 196.289 ruandische Geflüchtete (davon nur 75.421 biometrisch registriert); Ruanda beherbergt 84.456 kongolesische Geflüchtete. Die Rückkehr verläuft ungleich: Seit Januar 2025 wurden 8394 ruandische Geflüchtete aus der DR Kongo zurückgeführt; das Jahresziel für 2026 sind 10.000. Die Rückkehr kongolesischer Geflüchteter aus Ruanda hat offiziell noch nicht begonnen – Kinshasa muss ab Oktober vorrangige Rückkehrzonen einrichten.

Vizepremierminister Jacquemain Shabani erklärte nach dem Treffen, die Gewalt in Nord- und Süd-Kivu habe die Umsetzung der Resolutionen von 2025 „erheblich beeinträchtigt“ und verwies auf den nicht erfolgten Abzug der ruandischen Armee. Ruanda bestreitet jegliche militärische Präsenz in der DR Kongo. Shabani erinnerte zudem daran, dass neben dem bilateralen Abkommen mit Ruanda über eine Million kongolesische Geflüchtete und mehr als fünf Millionen Binnenvertriebene in ganz Afrika registriert sind. Beide Regierungen verabschiedeten einen neuen Fahrplan 2026–2027 mit vierteljährlichen Treffen; das nächste ist für September geplant, das nächste Ministertreffen für Juni 2027.

(Quelle: RFI, INSP, Africa CDC, US-CDC)