24.06.2026

„Fast jede Ebola-Epidemie hat ihre Legende“: Muyembe über Mythen, Misstrauen und verpasste Monate

BUNIA/PARISProfessor Jean-Jacques Muyembe, Mitentdecker des Ebola-Virus und Generaldirektor des INRB, gibt im RFI-Interview eine seltene Einschätzung: Fast jeder der 17 Ebola-Ausbrüche in der DR Kongo war von einer Legende begleitet. Die aktuelle Epidemie begann wahrscheinlich im Januar 2026 – gemeldet wurde sie erst im Mai. Vier verlorene Monate, erklärt Muyembe, die direkt mit einem Gerücht über einen beschädigten Sarg zusammenhängen.

Die Legende des rächenden Sarges in Ituri

Gesundheitsminister Roger Kamba hatte den Ursprungsmythos bereits beschrieben: Der erste Patient starb in Bunia. Sein Leichnam wurde nach Mongbwalu überführt, aber der Sarg entsprach nicht dem sozialen Status der Familie. Die Familie tauschte den Sarg – und der alte wurde verbrannt. Daraufhin kursierte das Gerücht, der Sarg „räche“ sich und infiziere Dorfbewohner. Viele sprachen von Hexerei, nicht von Krankheit, und zögerten, medizinische Hilfe zu suchen.

Muyembe bestätigt und ergänzt die Geschichte: „Wir ermitteln derzeit. Es ist nahezu sicher, dass die Epidemie im Januar begann, aber erst im Mai gemeldet wurde.“ Die Legende des Sarges verzögerte nicht nur die Reaktion der Bevölkerung, sondern auch die Meldung durch Gesundheitshelfer – die den Ausbruch mit der Überführung des Leichnams verknüpften, anstatt ihn als Epidemie zu erkennen.

Legenden in 17 Ausbrüchen

Muyembe bettet den aktuellen Fall in ein Muster ein, das er seit Jahrzehnten beobachtet. Bei der Kikwit-Epidemie 1995 erklärte die Bevölkerung die Todesfälle mit dem Diebstahl von Wild aus den Fallen einer anderen Familie: „Sie hätten angeblich einen Zauber gewirkt. Jeder, der das Wild aß, sei krank geworden und gestorben.“ Die Epidemie hatte bereits im Januar begonnen – sie wurde erst im Mai festgestellt. „Fast jede Ebola-Epidemie hat ihre Legende“, sagt er. „Nicht alle Legenden sind gleichwertig, aber Legenden von unterschiedlicher Bedeutung gab es bei allen 17 Ausbrüchen.“

Kongo-Brazzaville 2003: Ein Lehrer wird ermordet

Der Blick über die kongolesische Grenze zeigt, dass ähnliche Dynamiken in anderen Ländern auftreten. Bei der Epidemie in Kongo-Brazzaville 2003 hieß es, die Krankheit sei von Rosenkreuzern und Freimaurern eingeschleppt worden. „Ein Lehrer wurde sogar ermordet, weil er beschuldigt wurde, Freimaurer zu sein und die Krankheit eingeschleppt zu haben“, berichtet Muyembe.

Die Antwort: Multidisziplinäre Teams seit Kikwit 1995

Wie geht man mit Mythen um? „Es ist wirklich schwierig“, sagt Muyembe. „Man braucht dringend Studien von Anthropologen und Soziologen, um die Denkweise dahinter zu erforschen und zu verstehen.“ Die Menschen sagten: „Unsere Vorfahren haben das immer getan. Warum behauptet ihr jetzt, es sei Ebola?“ – genau das schüre Misstrauen. Bei der Kikwit-Epidemie 1995 führte Muyembe das erste multidisziplinäre Einsatzteam ein, dem neben Epidemiologen und Ärzten auch Psychologen, Anthropologen und Soziologen angehörten. Diese gingen in die Gemeinden, um „die Wahrnehmung der Krankheit zu verstehen“ – ein Ansatz, der seit 1976, der ersten Epidemie, gefehlt hatte.

Soziale Medien als Verstärker

Soziale Medien, sagt Muyembe, seien „Fluch und Segen zugleich“. Die gestiegene Alphabetisierungsrate könne helfen, falsche Informationen zu korrigieren – aber dieselben Kanäle verbreiteten Legenden heute „rasend schnell“: „Wenn eine Legende existiert, verbreitet sie sich rasend schnell und verkompliziert die Lage vor Ort.“

(Quelle: RFI, Africa Midday)