20.05.2026

Ebola-Epidemie größer als gemeldet: Imperial College warnt vor 400–1.000 Fällen – während Opposition gegen Verfassungsputsch mobilisiert

ITURI/KINSHASA – Eine Studie des Imperial College London und der WHO (veröffentlicht am 18. Mai) revidiert die Ebola-Fallzahlen drastisch nach oben: Nicht 336, sondern 400–1.000 tatsächliche Fälle bis 17. Mai in der DR Kongo. Am 19. Mai meldete Gesundheitsminister Roger Kamba offiziell 543 wahrscheinliche Fälle, 136 Todesfälle. Die US-CDC stellt Ituri in Risikostufe 4 (Reisen nicht ratsam). Washington erklärt, dass die Fähigkeit, US-Bürgern dort Notfallhilfe zu leisten, „äußerst begrenzt“ ist. Parallel zerfällt die medizinische Infrastruktur vor Ort: Mongbwalu Krankenhaus überlastet (Patienten auf dem Boden), Bunia Behandlungszentrum fehlen Betten/Medikamente/Isolierstationen. Ein amerikanischer Arzt, Peter Stafford, wurde nach Deutschland evakuiert; seine Frau Rebekah sitzt mit vier Kindern in Quarantäne. Goma und Bunia Apotheken werden überrannt, Maskenpreise verdoppeln sich. Gleichzeitig mobilisiert die Opposition in Kinshasa: Am 19. Mai gründete die Koalition C64 (Artikel 64 – Recht auf Widerstand) eine breite Front gegen Tshisekedis geplante Verfassungsrevision zur dritten Amtszeit. Martin Fayulu (Lamuka), Jean-Marc Kabund (Linke Union), Moïse Katumbi (Ensemble), Delly Sessanga (Envol), Matata Ponyo (LGD) + 50 Bürgerbewegungen sind dabei – Kabila-Anhänger ausdrücklich ausgeschlossen als „rote Linie“. Der Kampf um Verfassungsartikel 220 (Amtszeitbegrenzung) hat begonnen.

Imperial-College-Studie: Ebola-Fallzahlen um 2–5 × unterschätzt

Die Forschung: Am 18. Mai veröffentlichten das renommierte Imperial College London (führend in Epidemiemodellierung seit COVID-19) zusammen mit WHO, Africa CDC und kongolesischen Behörden eine Analyse zum wahren Ausmaß des Bundibugyo-Ausbruchs. Zum Stichtag 16. Mai meldeten Behörden 336 Verdachtsfälle und 88 Todesfälle. Die Studie kam zu einem alarmierenden Ergebnis: Die tatsächliche Zahl liegt zwischen 400 und 800, könnte aber 1.000 übersteigen.

Zwei Berechnungsmethoden bestätigen die Untererfassung:

Die erste Methode beginnt mit einem einfachen Indiz: Zwei Patienten aus Ituri wurden in Kampala, Uganda, gefunden – sie waren zur medizinischen Behandlung gereist. Forscher glichen diese Tatsache mit Grenzverkehrsdaten ab: Täglich überqueren etwa 1.871 Reisende die Grenze Ituri–Uganda. Hochrechnung: 235–470 Fälle in der DR Kongo (abhängig vom Erfassungszeitraum).

Die zweite Methode geht von 88 mutmaßlichen Todesfällen bis 16. Mai aus – diese gelten als zuverlässiger als Fallzahlen (ein Todesfall lässt sich schwerer ignorieren). Unter Berücksichtigung früherer Bundibugyo-Ausbrüche (Uganda 2007: 131 Fälle, 42 Todesfälle; Isiro 2012): 400–über 1.000 Fälle, abhängig von Ausbreitungsgeschwindigkeit.

Warnung vor Grenzen: Die Studie gibt offen zu: Sie stützt sich auf nur zwei exportierte Fälle. Grenzverkehrsdaten erfassen nicht die zahlreichen informellen Grenzübertritte. Die Epidemiologie des Bundibugyo-Virus ist untererforscht (nur zwei dokumentierte Ausbrüche). Die Studie testet drei Letalitätshypothesen (24%, 30%, 40%).

Was Dr. Muyembe sagt: Dr. Jean-Jacques Muyembe, Mitentdecker des Ebola-Virus (1976), mahnt zur Vorsicht: Erst vollständige Fallverfolgung, dann Ausmaß-Messung. Das ist noch nicht geschehen.

Vor Ort: Infrastruktur-Kollaps in Mongbwalu und Bunia

Mongbwalu – Das Epizentrum: Mongbwalu ist Bergbaustadt mit täglich Hunderten Händlern, Kleinbergleuten, Transportarbeitern. Das Krankenhaus ist völlig überlastet. Jonathan Imbalapay, Präsident der lokalen Zivilgesellschaft: „Es gibt nicht genug Betten. Manche Patienten liegen auf dem Boden.“

Eine der dringlichsten Herausforderungen ist die Trennung von Ebola-Verdachtsfällen und anderen Patienten. Derzeit sind über 20 Personen in Isolation, aber spezialisierte Einrichtungen fehlen. Bürgermeister Israel Sesereki Mandro erklärt: „Wir haben den Standort identifiziert. Ein Bergbauunternehmen ebnete das Gelände. Jetzt fehlt der Bau.“ Der Flugplatz Mongbwalu ist nicht in Betrieb – Versorgung ist schwierig. MSF (Ärzte ohne Grenzen) liefert Triage-Ausrüstung; das Welternährungsprogramm (WFP) ist gerade angekommen.

Eigeninitiative der Bevölkerung: Handwaschstationen entstehen überall auf Märkten, in Schulen, Geschäften – die Ladenbesitzer bauen sie selbst zusammen. Aber: Händler und Transportarbeiter reisen weiterhin nach Bunia und Nord-Kivu. Schulen und Märkte bleiben offen. Die Bevölkerung ist besorgt und gestresst, nimmt die Krankheit aber langsam ernst, nachdem Wochen lang Gerüchte und mystische Vorstellungen herrschten.

Bunia – Provinzhauptstadt unter Anweisungen: Die Provinzregierung erhielt über 16 Tonnen Hilfspakete und Medikamente (zur COVID-19-Bekämpfung). Seit Montag senden Radiosender Aufklärungsbotschaften in Landessprachen: „Hände waschen, Maske tragen, Händeschütteln vermeiden.“

Compliance ist bemerkenswert: Über die Hälfte der Menschen auf der Straße trägt Masken, darunter auch Motorradtaxifahrer. Schulen sind offen, aber Maskenpflicht. Marthe Dheve, Mutter: „Handwaschstationen wurden eingerichtet, Thermometer am Eingang.“ In Behörden und Banken ist Handwaschen Pflicht.

Aber die Preise explodieren: Jean Bosco Kisoke klagt: Masken kosteten 500 FC (19 Cent), kosten jetzt 1.000 FC. Desinfektionsmittel: von 4000 FC (1,50 EUR) auf 8000–10 000 FC (3–3,75 EUR). Binnenvertriebene ohne Geld können sich das nicht leisten. Humanitäre Organisationen sind besorgt über die Ausbreitung in Lagern um Bunia, wo Zehntausende Binnenvertriebene untergebracht sind.

Goma – Panik und Wirtschaftskollaps: In Goma (Nord-Kivu, unter AFC-M23-Kontrolle) wächst die Besorgnis drei Tage nach dem ersten Ebola-Fall. Apotheken werden überrannt, Schutzausrüstung ist Mangelware. Beti Kasingwa, Apothekenleiterin: „Vorräte reichen nicht – wir waren unvorbereitet.“ Am Alanine-Markt herrscht Panik. Neema: „Wir haben Angst. Es ist eine tödliche Krankheit. Ich wasche mein Baby vor dem Stillen, ich wasche mich nach jedem Verkauf.“ Jean Eliya, Vater: „Banken, Flughafen, Grenze sind geschlossen. Kein Geld zirkuliert. Ebola muss gestoppt werden.“

Internationale Reaktion: Alarm und Warnung vor Monaten Epidemie

Süddeutsche Zeitung – Dr. Kano kämpft: Der 40-jährige Chefarzt Dr. Barabak Kano des Neuropsychopathologischen Zentrums in Bunia schildert die Situation eindringlich: „Patienten sind völlig panisch. Sie wissen: kein Impfstoff, keine Behandlung für Bundibugyo. Blutproben müssen per Flugzeug nach Kinshasa ins Labor – das Warten ist endlos. Es gibt keine täglichen Flüge Bunia–Kinshasa. Die Patienten sind verängstigt. Ein positives Ergebnis verstärkt die Panik noch.“

Kano fasst zusammen: „Die Lage ist katastrophal. Keine Isolierstationen. Alles fehlt: Medikamente, Schutzkleidung, Betten, Matratzen. Pflegekräfte verbrennen die Matratzen, wenn Patienten sterben. Dadurch werden sie weniger. Wir befinden uns in einem Wettlauf gegen die Zeit. Wir müssen JETZT handeln. Sonst wird es eine Katastrophe.“

Washington Post – Evakuierter Arzt: Peter Stafford arbeitete als einziger Chirurg in einer abgelegenen Region der DR Kongo. Samstag: Unwohlsein. Fieber, Übelkeit. Sonntag: Test positiv auf Ebola. Wenige Tage später nach Deutschland evakuiert. Seine Frau Rebekah, ebenfalls Ärztin, sitzt mit vier Kindern in Quarantäne im Kongo. Sie infizierte sich bei einer schwangeren Patientin in der Gynäkologie (Ultraschalluntersuchung), die später starb.

New York Times/Genf (Le Temps): Die Gesundheitsbehörden melden über 130 Verdachtsfälle und 540 Infektionen in DR Kongo und Uganda. Experten: Die tatsächlichen Zahlen sind deutlich höher. Epidemie könnte Monate andauern. Dr. Anne Ancia (WHO Kongo): „Der letzte Ausbruch brauchte zwei Jahre zur Eindämmung.“ Le Temps ergänzt: „Ituri ist Bergbauprovinz im Nordosten, wo bewaffnete Gruppen aktiv sind und das Gesundheitssystem zusammenbricht.“

Libération (Paris): Dieses Wiederaufflammen von Ebola (kein Impfstoff!) trifft eine Region, die durch bewaffnete Konflikte und massive Bevölkerungsvertreibungen bereits geschwächt ist. MSF nennt die Lage „äußerst besorgniserregend“. Rony Brauman (ehemaliger MSF-Chef) während der West-Afrika-Epidemie (Guinea, Liberia, Sierra Leone: 11.000+ Tote): „Virale Epidemien stehen vor einer vielversprechenden Zukunft wegen Klimawandel, Landflucht, Bevölkerungswachstum. Wir müssen Virologie und Sozialwissenschaften intensivieren.“

Libération schloss: „Es ist zu befürchten, dass auf keiner dieser Fronten – lokal oder international – Fortschritte erzielt wurden.“

Opposition C64 gegründet: Verfassungsartikel 220 unter Feuer

Hintergrund – Tshisekedis Ankündigung: Am 6. Mai kündigte Präsident Félix Tshisekedi auf einer Pressekonferenz die Möglichkeit einer dritten Amtszeit nach einem Verfassungsreferendum an. Dies verstieß gegen Verfassungsartikel 220 (Amtszeitbegrenzung auf zwei Mandate) und löste Mobilisierung aus.

Gründung C64 – 19. Mai Kinshasa: Das Boboto-Zentrum war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Plattform C64 (Koalition für Artikel 64 – Verfassungsartikel zum Widerstandsrecht) wurde gegründet. Sie vereint Lamuka (Martin Fayulu), Linke Union (Jean-Marc Kabund), Ensemble (Moïse Katumbi), Envol (Delly Sessanga), LGD (Matata Ponyo) und über 50 Bürgerbewegungen.

Rote Linie – Kabila-Ausschluss: Ein enger Vertrauter Fayulus: „Unsere rote Linie ist M23-Unterstützung.“ Deshalb ist die Bewegung „Savons la RDC“ (um Kabila gegründet) ausgeschlossen. Matata Ponyo verließ Kabilas Koalition und trat C64 bei.

Ziel: Jegliche Verfassungsänderung verhindern, insbesondere zur Amtszeitbegrenzung. Prince Epenge (Lamuka): „Artikel 220 ist unser Garant für Stabilität. Wir werden ihn nicht antasten.“

Aktionsplan kommt bald: Emery Okundji (Generalsekretär FONUS): „Der offizielle Startschuss ist gegeben. Bald wird es einen Zeitplan mit konkreten Maßnahmen geben.“


(Quelle: RFI, Süddeutsche Zeitung, Washington Post, New York Times, Le Temps, Libération, Imperial College London, WHO, Africa CDC)