Ebola-Epidemie in der DR Kongo: Massiver Ausbruch mit Verzögerung und regionaler Ausbreitung
513 Verdachtsfälle, WHO-Notfall, Uganda und USA reagieren
KONGO/UGANDA – Die Ebola-Epidemie durch den seltenen Bundibugyo-Stamm breitet sich über die Grenzen der DR Kongo aus. Bislang 513 Verdachtsfälle und 131 Todesfälle in Ituri und Nord-Kivu. Die WHO rief am 18. Mai internationalen Gesundheitsnotstand aus.
Warum die Diagnose einen Monat lang verzögert wurde
Die ersten Fälle wurden am 15. April 2026 dokumentiert, doch die Epidemie wurde erst am 14. Mai offiziell bestätigt. Diese einmonatige Verzögerung hatte vier dokumentierte Ursachen.
Der am weitesten verbreitete Schnelltest GeneXpert erkennt den Zaire-Stamm, nicht aber Bundibugyo. Als die ersten Proben in Bunia eintreffen, fallen alle Tests negativ aus – obwohl dasselbe Material im INRB in Kinshasa acht von dreizehn positive Ergebnisse zeigt. Diese Unsicherheit bremst die Alarmierung, während das Virus zirkuliert. Florent Uzzeni von Ärzte ohne Grenzen bestätigt: „Die Anzahl verfügbarer Tests ist so gering, dass GeneXpert Bundibugyo nicht erkennt. Es gibt nur wenige andere Testmöglichkeiten vor Ort.“
Die Transport-Lieferkette kollabierte ebenfalls. Proben, die am 3. und 7. Mai in Ituri entnommen wurden, erreichten das INRB erst am 14. Mai – sieben bis elf Tage später. Die Kühlkette wurde nicht eingehalten, Proben kamen in geringen Mengen an. Am INRB musste ein Team bis 4:00 Uhr morgens arbeiten und drei verschiedene Testplattformen nutzen, um positive Ergebnisse zu erzielen. Oxfam weist auf ein strukturelles Problem hin: Kürzungen der humanitären Hilfe haben die Überwachungssysteme selbst geschwächt. Die DR Kongo ist „Ebola-blind“ geworden.
Mystische Vorstellungen unterdrückten Warnungen aus der Bevölkerung. Gesundheitsminister Roger Kamba räumte ein: „Die Alarmierung verzögerte sich, weil man glaubte, es handele sich um eine mystische Krankheit.“ Dies ist eine offizielle Anerkennung, dass die Reaktion nicht schnell genug war.
Das institutionelle Überwachungssystem versagte komplett. Gemeindevertreter, der Nationale Nachrichtendienst (ANR), Parlamentsabgeordnete, Krankenschwestern und Kirchen – keiner schlug Alarm. Jean-Jacques Muyembe, Direktor des INRB, fragt rhetorisch: „Wozu sind Parlamentsabgeordnete gut? Achtzig Tote und sie werden nicht informiert?“
Der seltene Bundibugyo-Stamm: Sequenzierung bestätigt neue Zoonose
Die Virussequenzierung im INRB hat Bundibugyo bestätigt – allerdings eine neue Übertragung vom Tier auf den Menschen. Dieser Ausbruch steht in keinem Zusammenhang mit den Epidemien von 2007 und 2012. „Bislang haben wir das tierische Reservoir noch nicht wirklich ausgemacht“, erklärt Muyembe. „Wir vermuten Fledermäuse – und da wir in der DR Kongo viele Fledermäuse verzehren, könnte dies die Ursache sein.“
Derzeit gibt es weder einen Impfstoff noch eine Behandlung für Bundibugyo. Allerdings gibt Muyembe Hoffnung: „Von den 17 Epidemien in der DR Kongo konnten 15 ohne Impfstoff oder Behandlung kontrolliert werden.“ Impfstoffkandidaten werden bis Ende Mai erwartet. Der Bundibugyo-Stamm hat eine Sterblichkeitsrate von etwa 30 Prozent – deutlich niedriger als der Zaire-Stamm mit über 80 Prozent.
Geografische Ausbreitung: Sechs Zonen betroffen, Uganda erreicht
Aktuell sind sechs Gesundheitszonen betroffen. In Ituri sind Mongbwalu und Rwampara die Epizentren; Bunia und Nyankunde sind ebenfalls stark betroffen. In Nord-Kivu wurden Fälle in Butembo-Katwa und Goma bestätigt. Die Epidemie hat bereits die Grenze überschritten: In Uganda wurden zwei bestätigte Fälle registriert, einer davon mit tödlichem Ausgang in Kampala.
Ein amerikanischer Arzt der christlichen Hilfsorganisation Serge infizierte sich in Nyankunde (45 Kilometer südwestlich von Bunia) bei der Patientenbehandlung. Seine Frau und ein Verwandter sind symptomfrei und in Quarantäne. Der Arzt wird zur Behandlung in ein US-Militärkrankenhaus in Deutschland verlegt – nicht das erste Mal: 2014 wurden bereits US-Soldaten auf dem Stützpunkt Baumhold isoliert; die Hochsicherheitseinheit verfügt über rund 180 Isolationsbetten.
Humanitäre Notlage in Flüchtlingslagern
Über 30.000 Menschen in den Lagern ISP und Kigonze in Bunia leben in extremer Armut ohne Zugang zu Schutzausrüstung. Es gibt keine Masken, Desinfektionsmittel oder ausreichend Möglichkeiten zum Händewaschen. Manche waschen sich die Hände mit Asche. Lagerleitner Étienne Ngutsi appelliert dringend an Regierung und humanitäre Organisationen.
Ein weiteres gravierendes Problem: die unsachgemäße Behandlung von Leichnamen. Zwei kürzliche Todesfälle zeigten, dass Gemeindemitglieder ohne Vorsichtsmaßnahmen mit den Leichen umgingen. Gérard Maki, Vizepräsident des Lagers, betont: „Das mangelnde Wissen über Präventionsmaßnahmen verschärft die Gefahr.“ In der Provinz Ituri gibt es über eine Million Binnenvertriebene – eine besonders anfällige Bevölkerungsgruppe.
Schulen in Goma: Hygiene trifft wirtschaftliche Armut
Am 19. Mai kehrten Schüler in Goma in die Schulen zurück, drei Tage nach dem ersten bestätigten Fall in der Stadt. Schulleiter richteten Aufklärungskampagnen ein und erklärten Symptome: „Blutungen, Erbrechen, hohes Fieber, Kopfschmerzen und ungewöhnliche Schwäche.“ Handwaschstationen mit Seife wurden aufgestellt.
Doch eine Schicht lähmender Realität: Der Kauf von Masken und Desinfektionsmitteln stellt eine erhebliche finanzielle Belastung dar – eine Region, geschwächt durch Wirtschaftskrise seit Januar 2025. In vielen Klassenzimmern tragen nur wenige Schüler tatsächlich Masken. Ein Vater, dem wir vor einer Schule begegneten, erzählte, dass seine Ersparnisse geschrumpft seien. Für viele Familien bleibt die Sicherstellung täglicher Ernährung oberste Priorität.
Regionale und internationale Reaktionen
Die Ostafrikanische Gemeinschaft (EAC) aktivierte am 18. Mai ihr regionales Netzwerk von Referenzlaboren und forderte Mitgliedstaaten auf, epidemiologische Überwachung zu intensivieren und grenzüberschreitende Koordination zu verbessern. Mobile Gesundheits- und Schnellreaktionsteams sollen angemessen ausgestattet werden.
Uganda verhängte höchste Alarmbereitschaft. An der Grenze zur DR Kongo wurden Screening- und Gesundheitskontrollen verstärkt. Die Regierung verschob die große Pilgerfahrt zum Märtyrertag vom 3. Juni. Obed Katureebe, Sprecher des ugandischen Regierungsmedienzentrums, betont Erfahrung: „Wir teilen eine Grenze mit dem Kongo, aber es gelingt uns in der Regel, solche Ausbrüche schnell einzudämmen. Das Virusforschungszentrum in Entebbe ist bestens ausgestattet. Während des Ausbruchs im Jahr 2025 gab es keine Todesfälle.“
Die USA hoben Reisewarnungen für die DR Kongo, den Südsudan und Uganda auf Stufe 4 (höchste Stufe). Die CDC kündigte Einreisebeschränkungen für alle Ausländer an, die sich in den vergangenen 21 Tagen in betroffenen Gebieten aufgehalten haben. Washington beschränkt auch vorübergehend die Visavergabe in diese Länder.
WHO: Kritische Faktoren verschärfen die Lage
Die WHO rief den internationalen Gesundheitsnotstand aus, bevor der Notfallausschuss seine Empfehlungen abschloss – ein Novum. WHO-Chef Dr. Tedros Ghebreyesus zitierte vier kritische Faktoren: „Zweitens wurden Fälle in städtischen Gebieten festgestellt; drittens hat sich Gesundheitspersonal infiziert. Dies deutet auf Übertragung hin. Viertens gibt es erhebliche Bevölkerungsbewegungen im Osten der DR Kongo.“
Allein in Ituri und Nord-Kivu gibt es fast zwei Millionen Binnenvertriebene. Ruanda kündigte an, seine Grenzen teilweise zu schließen (wobei medizinisches Personal vorerst Zutritt hat). Die WHO ist überzeugt, dass die Übertragungskette auch ohne Impfstoff durch Erkenntnisse aus jüngsten Epidemien unterbrochen werden kann.
Ein strukturelles Problem bleibt: Humanitäre Programme sind seit Jahren unterfinanziert, insbesondere seit dem Abzug der USA. Die UNO hat bislang nur ein Drittel der fast 1,5 Milliarden US-Dollar erhalten, die sie für die DR Kongo bis 2026 beantragt hat.
(Quellen: RFI, Radio Okapi)