Human Rights Watch: 62 dokumentierte Tötungen in Uvira – M23 und Ruanda als Besatzungsmacht
Bericht „Wir sind Zivilisten!“ deckt systematische Kriegsverbrechen auf – standrechtliche Hinrichtungen, Vergewaltigungen, Zwangsrekrutierungen
UVIRA – Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat einen umfassenden Bericht zur M23-Besatzung der Stadt Uvira vorgelegt. Der Bericht „Wir sind Zivilisten!“ dokumentiert systematische Kriegsverbrechen: 62 belegte standrechtliche Hinrichtungen und Tötungen, flächendeckende Vergewaltigungen und Entführungen zur Zwangsrekrutierung. HRW kommt zu dem Ergebnis, dass Ruanda nach internationalem Recht als Besatzungsmacht gilt und M23-Kommandeure und ruandische Militärangehörige rechtlich für Kriegsverbrechen verantwortlich sind.
Die Besatzung: 40 Tage unter dem Gesetz der Straße
Uvira fiel am 10. Dezember 2025 an M23-Kämpfer und ruandische Streitkräfte – nur wenige Tage nach der Ratifizierung des von den USA vermittelten Washingtoner Abkommens zwischen Tshisekedi und Kagame. Eine Besatzung von etwa 40 Tagen folgte. Am 17. Januar 2026 kündigte die M23 unter US-amerikanischem diplomatischem Druck einen einseitigen Rückzug an; am 20. Januar 2026 übernahm die FARDC die Kontrolle zurück.
Die zeitliche Nähe zwischen Friedensabkommen und Besatzung ist nicht zufällig. HRW weist darauf hin, dass das Abkommen „den plötzlichen Abzug dieser Truppen einen Monat später ermöglichte“ – ein Timing, das Fragen zur diplomatischen Geheimabsprache aufwirft.
HRW-Mitarbeiterin und Stadtbewohner berichten von demselben Muster: Nach der Übernahme herrschte „das Gesetz der Straße“. Ein HRW-Geschäftsführer resümiert: „Die Einwohner von Uvira berichteten von einem Monat des Grauens.“
Methodologie: 120+ Zeugen, 62 belegte Tötungen
Die HRW-Ermittlungen basieren auf Feldforschung vor Ort nach dem M23-Abzug. Die Organisation führte über 120 Interviews mit Überlebenden, Zeugen, Angehörigen von Opfern und lokalen Quellen. Das Ergebnis:
62 dokumentierte Fälle von standrechtlichen Hinrichtungen und Tötungen:
- 54 Männer
- 2 Frauen
- 5 Jungen
- 1 Mädchen
HRW betont, dass dies „nur einen Bruchteil der Gesamtzahl der Zivilisten darstellt, die während der Besetzung standrechtlich hingerichtet wurden“. Die tatsächliche Zahl ist höher.
Das Muster: Gezieltes Jagen auf Wazalendo-Verdächtige
Die Tötungen waren nicht zufällig oder chaotisch – sie waren systematisch und koordiniert. M23-Kämpfer und ruandische Soldaten führten Hausdurchsuchungen durch, besonders in den Vierteln Kasenga und Rugenge. Die Vorwürfe folgten demselben Schema:
Alle Opfer wurden beschuldigt, den lokalen Wazalendo-Milizen anzugehören – einem Begriff auf Suaheli, der „Patrioten“ bedeutet. Die Systematik legt nahe: Dies war ein gezielter Versuch, Männer und Jungen zu identifizieren, festzunehmen und zu töten, die den Wazalendo zugeordnet werden konnten.
Zeugen berichten von Hinrichtungen ohne Verfahren – entweder bei den Hausdurchsuchungen selbst oder nach Entführungen. Viele Entführte werden bis heute vermisst.
Fluchtfeuer auf Zivilisten
Zusätzlich zu gezielten Hinrichtungen eröffneten M23-Kämpfer und ruandische Soldaten das Feuer auf Gruppen von Zivilisten, die flohen. Zeugen berichten:
- Fluchtversuche in Richtung Burundi endeten in Schusswechseln
- Fluchtversuche in Richtung der Hügel oberhalb der Stadt wurden beschossen
- Ein Zeuge berichtete, dass sein Bruder, seine Frau und zwei Kinder im Viertel Kavimvira erschossen wurden, als die Familie versuchte, nach Burundi zu gelangen
Ein besonders grausamer Vorfall: Im Hafen des Distrikts Kasenga beschossen M23-Kämpfer Fischer von Gebäudedächern aus. Zivilisten beim Fischfang wurden wie Ziele behandelt.
Systematische Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt
HRW dokumentiert mehrere Fälle von Vergewaltigung und sexueller Gewalt durch M23-Kämpfer und ruandische Soldaten gegen Frauen und Mädchen:
- Überlebende wurden unter Todesdrohung vergewaltigt, teilweise mit vorgehaltener Waffe
- Vergewaltigungen erfolgten in Privathäusern und auf Feldern, wo Frauen nach Nahrung suchten
- Familienmitglieder, die einzugreifen versuchten, wurden angegriffen oder getötet
Ein zusätzliches Trauma: Der Mangel an funktionierenden Gesundheitseinrichtungen in Uvira verwehrte Überlebenden Zugang zu Postexpositionsprophylaxe (PEP) zur Verhinderung einer HIV-Infektion. Dieses medizinische Versorgungsloch multipliziert das Leid.
Entführungen und Zwangsrekrutierung: „Verschwinden“ am Stadtrand
M23-Kämpfer entführten Männer und Jungen in der Nähe von Militärbasen – oft ohne jegliche Verbindung zu den Wazalendo-Milizen. HRW geht davon aus, dass diese Personen zwangsweise in die M23 aufgenommen wurden und dem Verschwinden zum Opfer fielen. Eine klare Kriegsverbrechen-Kategorie nach internationalem Recht.
Ruanda als Besatzungsmacht – völkerrechtliche Implikationen
HRW kommt zu einer zentralen rechtlichen Schlussfolgerung: Ruanda wird nach internationalem Recht als Besatzungsmacht eingestuft. Die Begründung:
- Ruandas Gesamtkontrolle über die M23-Rebellion
- Ruandas effektive Kontrolle über bestimmte Regionen in Nord-Kivu und Süd-Kivu, einschließlich Uvira
Völkerrechtliche Konsequenz: Ruanda trägt Verantwortung für die Taten seiner kontrollierten Streitkräfte. Dies ist kein Nebenkriegsschauplatz – das ist internationale Besatzung mit allen damit verbundenen Rechtspflichten.
Die Anklage: Kriegsverbrechen und Straflosigkeit
HRW formuliert eine unmissverständliche Forderung:
„Die systematische Natur vieler dieser Übergriffe, darunter die standrechtlichen Hinrichtungen mutmaßlicher Mitglieder der Wazalendo-Miliz bei Hausdurchsuchungen, belegt die Beteiligung von M23-Kommandeuren und ruandischen Militärangehörigen sowie deren mögliche rechtliche Verantwortung für Kriegsverbrechen.“
Die Warnung ist deutlich: Solange diese Verbrechen nicht aufgeklärt werden und keine Rechenschaftspflicht folgt, wird sich das Muster wiederholen. Die Zivilbevölkerung im Osten wird weiterer schwerer Gefahr ausgesetzt.
Strategisches Uvira: Schlüssel zu Groß-Katanga
Warum Uvira? Die Stadt ist nicht beliebig. Sie ist:
- Strategisch: Schlüsselpunkt des kongolesischen Sicherheitsapparats in Süd-Kivu
- Provisorische Provinzhauptstadt: Nach Bukavas Besetzung durch M23 wurde Uvira zur faktischen Verwaltungszentrale
- Tor zu Katanga: Ein möglicher Vormarsch in Richtung Groß-Katanga – des „wirtschaftlichen Herzstücks“ der DR Kongo – beginnt mit Kontrolle über Uvira
Die M23-Besetzung festigte die Rebellenmacht in Nord- und Süd-Kivu. Ein weiterer Vormarsch zum kupferreichen Katanga könnte die gesamte Ost-West-Dynamik der DR Kongo neu formen.
(Quelle: Human Rights Watch, Actualité.cd)