Südkivu unter Drohnenfeuer, Schüler im Trauma, US-Sanktionen gegen Kabila: Eine Nation am Limit
MINEMBWE/KINSHASA/DJUGU – Ende der Woche durchbrachen IKRK und MSF für Stunden die Mauer der Gewalt. Ein medizinischer Konvoi nach Minembwe im Hochland Südkivus, ein MSF-Team in Mwenga – beide wurden angegriffen, beide setzten ihre Arbeit fort. Dazwischen: 4189 Masernfälle in Süd-Ubangi (71 Todesfälle seit Januar), 1478 MSF-Masernpatienten in Karawa, darunter 184 mangelernährt. Währenddessen sitzen vertriebene Schüler aus Djugu in Bunia zur Staatsprüfung, traumatisiert und ohne Lehrplan. SNCC-Lehrer in Kananga arbeiten seit acht Monaten unbezahlt. Und in Kinshasa setzen UDPS-Aktivisten das PPRD-Hauptquartier in Brand – eine Eskalation, die zeigt, dass selbst die Hauptstadt nicht immun gegen die Gewalt ist, die der Osten diktiert. Joseph Kabila, unter US-Sanktionen, mobilisiert immer noch – schwächer, aber nicht besiegt.
Minembwe: Humanitäre Pause, Drohnen, flüchtige Hoffnung
Das Hochland von Südkivu ist das Epizentrum der Gewalt. FARDC und AFC/M23 kämpfen in dem bergigen, unzugänglichen Gelände – die heftigsten, blutigsten Kämpfe der Region. Ende der Woche erwirkte das IKRK eine humanitäre Pause, um einen medizinischen Konvoi nach Minembwe zu schicken.
Die Bilanz: Nur ein Bruchteil des Bedarfs gedeckt. Die kaputten Straßen machen Hilfslieferungen zur Odyssee. Und die Lage bleibt fragil. Am 1. und 2. Mai wurden Drohnenangriffe registriert, insbesondere in Rugezi – keine Kaliber, keine Opferzahlen, nur die Botschaft: Das Hochland ist noch immer ein Kriegsgebiet.
Ein westlicher Diplomat fasst es zusammen: „In diesem Gebiet wird jeder Fortschritt von Fall zu Fall verhandelt, ohne Garantie, dass die Verbindungen dauerhaft bestehen bleiben.“ Humanitäre Arbeit im Krieg ist nicht Routine – es ist Verhandlung unter Gewehrfeuer.
MSF-Konvoi in Mwenga überfallen – Raubzug von Wazalendo
Am 3. Mai griffen Wazalendo-Milizionäre einen MSF-Konvoi in Kalimoto (Region Mwenga, südwestlich von Bukavu) an. Das Team war auf Assessment-Mission unterwegs – Mwenga, Kamituga, Kitutu –, um humanitären Bedarf zu ermitteln.
Die Miliz raubte das Team aus. Ein Sicherheitsvorfall während einer lebensrettenden Mission. MSF-Mitarbeiter blieben unverletzt und setzten ihre Arbeit fort – die Organisation betont die Fortsetzung ihrer medizinischen und humanitären Arbeit in der Region. Ein Satz voller Resignation: Wir werden überfallen, wir geben nicht auf.
Südkivu und Masern-Epidemie in Süd-Ubangi: 4189 Fälle, 71 Todesfälle seit Januar
Die Epidemiologie des Kollapses. In Süd-Ubangi wurde am 18. Februar 2026 ein Masernausbruch in allen 16 Gesundheitszonen der Provinz offiziell ausgerufen. Seit Januar: 4189 Fälle, 71 Todesfälle.
MSF in Karawa (seit 30. März) behandelte:
- 1.478 Masernfälle (darunter 184 mit Mangelernährung)
- 2.192 Malariafälle
Besonders Kinder 6–59 Monate sind betroffen – eine Altersgruppe, die von Mangelernährung und Unterernährung doppelt bedroht ist. Eine Massenimpfkampagne des Gesundheitsministeriums startete am 21. April. MSF unterstützt sechs Gesundheitseinrichtungen in den am stärksten betroffenen Gebieten.
In Bokonzi grassiert auch Masern seit Ende Januar. Eine intensivierte Betreuung und Massenimpfungen sind „unerlässlich“, sagen die Behörden – ein Eingeständnis, dass das System überfordert ist.
Djugu: Abiturienten im Trauma – Verschiebung der Prüfungen gefordert
Am 4. Mai begannen die Vorprüfungen zum Staatsexamen 2026 in Bunia. Aber viele Kandidaten aus Djugu kamen nicht an – oder kamen traumatisiert an.
Mehrere vertriebene Schüler berichten: Sie konnten wegen der Unsicherheit nicht lernen. Unterrichtsausfälle in ihren Dörfern, Flucht vor bewaffneten Gruppen, psychische Narben. „Wir konnten wegen der Unsicherheit nicht dort lernen; wir haben den Lehrplan nicht beendet“, sagte einer der Schüler. Ein anderer: „Wir vertrauen darauf, dass Gott uns beisteht.“
Hauptinspektor Makati Manganga im Prüfungszentrum Bunia 5 versucht, mitfühlend zu reagieren: „Diese Kinder behandle ich besonders sorgfältig. Sie sind verzweifelt, und wir dürfen nicht zu hart mit ihnen umgehen.“
Aber Mitgefühl ist keine Antwort auf Chancenungleichheit. Viele vertriebene Absolventen aus Djugu und Mambasa fordern die Verschiebung der Prüfungen. Die gegenwärtigen Bedingungen gewährleisten keine faire Konkurrenz.
SNCC-Kananga: Lehrer seit acht Monaten unbezahlt – ein Staat, der seine Lehrer hungern lässt
Die Grundschule der Nationalen Eisenbahngesellschaft (SNCC) in Kananga, Kasaï-Central: Lehrkräfte arbeiten seit September 2025 ohne Bezahlung. Acht Monate Gehaltsrückstände.
Ein Lehrer: „Es ist schwer, unter diesen Bedingungen zu arbeiten, weil wir demotiviert sind. Wir können die Kinder nicht angemessen beaufsichtigen.“ Die Moral ist am Boden. Familien verlieren Wohnraum, Nahrungsmittel.
Regionaler Koordinator Augustin Mulumba gibt zu: Die Verantwortung liegt bei der Hauptverwaltung in Lubumbashi. Die Gelder stehen auf regionaler Ebene bisher nicht zur Verfügung. Mulumba verspricht: Sobald die Finanzbehörde die Mittel freigibt, bekommen die Lehrer ihre Rückstände.
Bis dahin herrschte Ungewissheit. Für die Schüler – Kinder von Eisenbahnarbeitern – bleibt das Schuljahr ein Lottospiel.
Massenproteste und Brandschlag: UDPS marscht gegen Kabila, PPRD brennt
Am 4. Mai marschierten UDPS-Aktivisten in Kinshasa zur Unterstützung der US-Sanktionen gegen Joseph Kabila. Der ehemalige Präsident wird beschuldigt, die AFC/M23-Rebellen zu unterstützen.
Nach dem Marsch griffen junge Demonstranten das PPRD-Hauptquartier am Sendwe Boulevard an und setzten es in Brand. Molotowcocktails auf Dach und Fassade. Bilder gingen viral. Ein Koordinator erklärte: „Unsere Anwesenheit erklärt sich dadurch, dass die UDPS einen Aufruf an ihre Parteimitglieder und Verbündeten gerichtet hat. Als frühe Verbündete sahen wir es als unsere Pflicht an, diesem Aufruf zu folgen.“
Die PPRD antwortet mit Anschuldigung: Stellvertretender Generalsekretär Ferdinand Kambere sieht „Machtmissbrauch des gegenwärtigen Regimes“ und wirft den USA vor, die Gewalt gegen die Opposition zu ignorieren.
LAMUKA prangert Doppelmoral an: Oppositionsdemonstrationen werden verboten oder unterdrückt. Die Heiligen-Union-Märsche profitieren von polizeilicher Aufsicht. Die Opposition ist gezähmt; die Regierung kann marschieren.
Joseph Kabila: Unter Sanktionen, aber nicht besiegt – regionale Netzwerke halten
Die US-Sanktionen gegen Kabila (OFAC-Blacklist) frieren amerikanische Vermögenswerte ein und erschweren Dollar-Transaktionen. Sie sind Teil einer langjährigen US-Strategie – seit 2016 beobachtet Washington Kabilas Machtspiele.
Kabilas aktuelle Position:
- Regional aktiv: Reisen zu Kontakten in Simbabwe, Botswana, Namibia, Eswatini, Ruanda
- Innerhalb der DR Kongo: Netzwerk in Katanga + Armee noch intakt, aber in Kinshasa stark geschwächt
- Vertraute verhaftet: Aubin Minaku seit Januar in Haft (kein Anwalts-Zugang), Emmanuel Ramazani Shadary nächtlich festgenommen
- Im April: Kabilas Gefolge traf sich im südlichen Afrika, um Demonstrationen in Kinshasa vorzubereiten
Die kritische Frage: Wird die Mobilisierung in Kinshasa Anklang finden, wo seine Netzwerke zerschlagen wurden?
Justicia e. V. warnt vor unvollständigen Sanktionen: Das Problem seien nicht nur Einzelpersonen wie Kabila, sondern auch multinationale Konzerne, die vom Krieg profitieren, und kongolesische Akteure, die verfassungswidrige Änderungen fordern. Sanktionen gegen Kabila müssen in einen umfassenderen Ansatz eingebettet sein.
Die Struktur des Zusammenbruchs
Der 5. Mai zeigt die Bruchlinien des Staates:
- Sicherheit: Minembwe unter Drohnenfeuer, MSF-Konvois überfallen, Wazalendo plündernd
- Gesundheit: 4189 Masernfälle, 71 Todesfälle, MSF-Teams sind die Infrastruktur des Staates
- Bildung: Schüler ohne Lehrplan, Lehrer unbezahlt, Chancengleichheit = Mythos
- Politik: Brandschlag auf Opposition, Doppelmoral in Demonstrationen, Sanktionen gegen Kabila – aber wer kontrolliert die Kontrolle?
- Kohäsion: Ein Präsident, der von einer dritten Amtszeit spricht, während der Staat an zehn Fronten zusammenbricht
Die Gewalt, die im Osten beginnt, findet ihre Echos in Kinshasa – in Molotowcocktails, in unbezahlten Lehrern, in traumatisierten Schülern, in blockierten Grenzen zwischen humanitären Missionen und Kriegslogik.
(Quelle: RFI, Radio Okapi, Actualité.cd, IKRK, MSF, Amnesty International, Justicia e.V.)