3. Die erste Republik

3.1 „Kongowirren“

In seiner Rede bei den Feierlichkeiten zur Entlassung Kongos in die Unabhängigkeit beging der belgische König eine Ungeschicklichkeit, indem er seinem königlichen Vorfahren Léopold II. eine Lobpreisung angedeihen ließ und dessen Werk als Befreiung von der arabischen Sklaverei darstellte. Van Bilsen (1994:230) meinte in diesem Zusammenhang, dass mehr als das, was der König sagte, das, was er ausgelassen hatte (die unmenschliche Ausbeutung von Menschen und Land durch seinen Vorfahren), die Enttäuschung vieler Zuhörer – „selbst unter den geladenen Belgiern“ bewirkte.

Joseph Kasavubu
Joseph Kasavubu
Im Gegensatz zu Kasavubu, der eine der Feierlichkeit des Tages entsprechende Rede hielt, bemerkte Lumumba in seiner berühmt gewordenen Überraschungsrede, dass die Kongolesen, auch wenn sie mit Belgien zusammenarbeiten werden, nicht vergessen werden, was ihnen angetan worden war: „Wenn auch die Unabhängigkeit im Ein­ver­ne­hmen mit Belgien, einem Land, mit dem wir von nun an von gleich zu gleich verhandeln werden, proklamiert wird, so sollte kein Kongolese, der dieses Namens würdig ist, ver­gessen, dass sie durch einen Kampf erreicht wurde. (…) Wir haben Ironien, Beleidigungen und Schläge erlebt, die wir morgens mittags und abends erleiden mussten, nur weil wir Neger waren“ (Lumumba 1966:77f.).

Aber wie es sich in der Folge herausstellte, war diese Unabhängigkeit nur nomineller und kurzer Natur. Belgien hatte die Emanzipation Kongos gebilligt, ohne die Kongolesen auf die daraus folgende Verantwortung vorzubereiten – wohl, wie es der zuständige Kolonialminster De Schrijver im Herbst 1959 einem Gesprächspartner anvertraut hatte, um im entstehenden Chaos um Hilfe gerufen zu werden (Van Bilsen 1994:207). Dieses eklatante Versäumnis hatte das Fehlen der kongolesischen Fachkräfte für die Verwaltung und für die Armee unmittelbar nach der Ausrufung der Republik zur Folge.

Die Einheit Kongos währte jedoch nur wenige Tage. Die durch das Parlament am 24. Juni 1960 demokratisch gewählte Regierung Lumumbas geriet unmittelbar nach der Unabhängigkeit durch den Aufstand der Soldaten der „Force Publique“ unter Druck, Aufstand, dem eine hitzige Diskussion zwischen dem Kommandeur dieser Truppe, General Janssens, und den Soldaten bezüglich der Besserstellung der letzteren vorausging. General Janssens schrieb an die Tafel: „nach der Unabhängigkeit = vor der Unabhängigkeit“. Im Klartext heißt das, die Berufung von Afrikanern auf Offiziersposten ist in absehbarer Zeit ausgeschlossen. Der Sturm der fast fünfjährigen „Kongowirren“ begann. Janssens wurde entlassen und durch General Viktor Lundula, der kurz davor zum Oberbefehlshaber der Kongolesischen Nationalarmee ernannt worden war, ersetzt. Es folgte am 11.07.1960 die Besetzungen einiger kongolesischer Städte und die Bombardierung von Matadi durch das belgische Militär.

Patrice Lumumba
Patrice E. Lumumba
Mit tatkräftiger Unterstützung des Westens, der Lumumba „Moskaunähe“ vorwarf, erklärte Tshombe, am 11. Juli 1960, die rohstoffreiche Katangaprovinz (später Shaba), in der parallel zur Matadi-Bombardierung belgische Truppen interveniert hatten, für unabhängig. In der Folge brach ein fast dreijähriger Krieg aus. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen forderte am 12.07.1960 den Abzug der belgischen Truppen und beschloss den Einsatz von UNO-Soldaten. Am 8.8.1960 rief Kalondji – wohl als Reaktion auf Lumumbas Weigerung, seinen MNC-Flügel an der Zentralregierung zu beteiligen -, die Unabhängigkeit von Süd-Kasai aus und erklärte sich zum Kaiser.

Im Herbst 1960, als das ohnedies brüchige Bündnis zwischen Kasavubu und Lumumba in ihre gegenseitige Entlassung mündete und die Staatsführung völlig blockierte, nützte Mobutu das Machtvakuum aus, übernahm im Namen der Armee die Macht und zwang dem Staatspräsidenten, der im Amt blieb, das von ihm kontrollierte Kommissarskollegium als Kontrollorgan (Regierung) auf. Als Reaktion darauf erklärte sich Antoine Gizenga, der stellvertretende Ministerpräsident unter Lumumba, am 13.12.1960 zum Ministerpräsidenten und ernannte Stanleyville (heute Kisangani) zur Hauptstadt. Am 9.1.1961 marschierten Pro-Lumumba-Soldaten in den Nordteil Katangas ein. Die von der UNO in den Kongo entsandten Truppen verhinderten den Ausbruch eines Bürgerkrieges.

Im Rahmen eines sorgfältig vorbereiteten Komplotts, bei dem auch die UNO eine durchaus zwielichtige Rolle spielte, wurde Lumumba, der auf dem Weg nach Kisangani durch Mobutu-Soldaten mit Hilfe der USA-Botschaft in Kinshasa, die ihre Hubschrauber zur Verfügung stellte, verhaftet, zuerst in Thysville interniert und dann nach Katanga geschickt, wo er im Januar 1961 von Tshombe-Getreuen umgebracht wurde. Die genauen Umstände seines Todes und des seiner Mitkämpfer (Mpolo und Okito) sind bis heute nicht geklärt. An dieser Stelle ist daran zu erinnern, dass seit einigen Tagen in Belgien eine parlamentarische Kommission zur Aufklärung dieses dreifachen politischen Mordes eingesetzt wurde.

Zu Erinnerung: Dag Hammarskjöld (1905-1961), der damalige UN-Generalsekretär, dessen Rolle in den Kongowirren umstritten geblieben ist, kam 1961 auf dem Weg zu Vermittlungsgesprächen im Kongo bei einem Flugzeugabsturz in Ndola/Sambia ums Leben.

Nachdem Präsident Kasavubu das unter der Führung von Mobutu regierende Kommissarskollegium im Februar 1961 entließ und eine neue provisorische Regierung mit Ileo als Ministerpräsident einsetzte, zog sich Mobutu auf seinen militärischen Posten zurück; Katangas Sezessionsversuch wurde durch UNO-Intervention im Januar 1963 beendet und Tshombe ging ins Exil nach Spanien; der Simba-Aufstand 1964, an dem auch Kabila maßgeblich beteiligt war, konnte von Mobutus Armee nur mit Unterstützung aus Belgien und den USA sowie von Söldnern und den Katanga-Gendarmen Tshombes niedergeschlagen werden, nachdem Tshombe 1964 mit der Bildung der neuen Zentralregierung betraut wurde.